Überanpassung als Innovationskiller

Psychologische Faktoren spielen eine, wenn nicht sogar die entscheidende Rolle, wenn es darum geht, aus welchen Gründen Innovationen scheitern. Überanpassung ist ein Phänomen, das sich in vielen Organisationen beobachten lässt und einen schwerwiegenden Einfluss auf verschiedene Formen des Zusammenlebens und der Zusammenarbeit hat.

Stellen Sie sich folgende Situation vor: Eine Führungskraft bekommt die Aufgabe, mit ihrer Abteilung ein kränkelndes Produkt durch eine Innovation zu ersetzen. Sie startet voller Elan in diese Aufgabe und es werden große Hoffnungen in sie gesetzt, dass sie das Steuer endlich „herumreißen“ kann. Sie hört sich bei ihren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern um und beruft Sitzungen ein, um Informationen zusammenzutragen, mit ihnen gemeinsam das Vorgehen zu besprechen, Ideen zu sammeln, neue Lösungen zu entwickeln. Der Tenor ihrer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ist negativ: Sie sehen keinen Markt für ein neues Produkt, keine Möglichkeit, mit der Konkurrenz mitzuhalten, nicht genügend Ressourcen und Kompetenzen, um eine erfolgreiche Innovation zu lancieren. Was macht die Führungskraft nun mit diesen Informationen? Übernimmt sie die Meinung ihrer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter? Möglicherweise lässt ihr Elan mit der Zeit nach. Sie merkt, wie mühsam oder „unmöglich“ es trotz ihrer anfänglichen Motivation sein wird, eine Innovation einzuführen. Schließlich verlässt sie selbst der Glaube an den Sinn und die Machbarkeit und sie treibt das Projekt nicht mehr mit voller Kraft voran. Oder: Sie nimmt diese Informationen zur Kenntnis, glaubt aber nicht, dass es keine Alternativen gibt, trägt möglicherweise auch Informationen von anderer Seite zusammen – und bildet sich vor allem eine eigene Meinung.

Andere Meinungen unhinterfragt übernehmen oder eigene Meinung bilden

In letzterem Fall hat die Innovation wohl eine realistische Chance, im ersten Fall ist es sehr unwahrscheinlich, dass sie jemals das Licht der Welt erblicken wird, da die Führungskraft sich überangepasst verhält. Vielmehr wird die Innovation mit der Zeit vermutlich von allen Seiten mehr oder weniger bewusst „sabotiert“ oder schleifen gelassen werden. Es sei denn, an anderer, übergeordneter, Stelle im Unternehmen wird entschlossen gehandelt. Allerdings kann Überanpassung weite Teile eines Unternehmens „infizieren“. Es lassen sich nicht nur Menschen beobachten, die sich überangepasst verhalten, sondern auch ganze Organisationen.

Betonen möchte ich in diesem Zusammenhang, dass Überanpassung von „normaler“ Anpassung zu unterscheiden ist, die in einem gewissen Maße „gesund“ und notwendig ist, um miteinander zu leben, etwas gemeinsam zu erreichen. Überanpassung geht deutlich weiter als eine gesunde Form der Anpassung.

Überanpassung verhindert, dass neue Wege gegangen werden

Problematisch im Innovationskontext ist beispielsweise, dass sich in überangepassten Organisationen keiner oder kaum einer traut, ausgetretene Pfade zu verlassen und „aus der Reihe zu tanzen“, indem sie oder er etwas vollkommen Neues wagt. „Überanpassung führt leicht zu einer Reihe gravierender negativer Folgen: von mangelnder Bereitschaft, vorhandene Gepflogenheiten oder Dienstleistungen in Fragen zu stellen, die für Innovation und Wandel lebensnotwendig ist, bis hin zu expliziter Minderleistung bei der Erledigung von Routineaufgaben. „Blind“ wird dem gefolgt, was andere denken, sagen oder wie sie handeln. Eigene Gedanken werden verdrängt oder verleugnet.“ (Birgit Inken Fingerle; Sich und andere führen – Wandel in Bibliotheken aktiv gestalten; S. 151) Durch stromlinienförmiges Verhalten wird sichergestellt, dass man nicht auffällt.

Innovation lebt aber gerade davon, dass Menschen es wagen, „verrückte“ Ideen auszusprechen oder neue Wege zu beschreiten. Kein Wunder, dass in einer durch und durch grauen, überangepassten Umgebung Ideen gar nicht erst entstehen oder nicht geäußert werden, dass so Innovationen erschwert oder verhindert werden. Kommen Faktoren wie Angst, Zeitmangel und Stress ins Spiel, so führen sie dazu, dass die Überanpassung noch gefördert und Kreativität weiter eingedämmt wird.

Nicht nur die Ideenfindung, auch die Umsetzung von Innovationen wird durch Überanpassung erschwert. „Zu den negativen Begleiterscheinungen von Überanpassung gehören u.a. unklare Kommunikation und unklare Entscheidungen. Klare Verabredungen werden gescheut. Anstatt beispielsweise nachzufragen, warum etwas getan wird, wird unreflektiert unterstellt, der andere wüsste, was er tue. Verhalten sich nun beide Seiten derart überangepasst und unterstellen einander, der jeweils andere wüsste, was er oder sie tut und dies wäre gut so, so führt dies zu schlechtem Handeln und schlechten Entscheidungen. Das gegenseitige sich aneinander Anpassen führt zu unentschlossenem, unreflektiertem Herumlavieren, ohne schnell und sinnvoll zum Punkt guter Entscheidungen zu kommen.“ (Birgit Inken Fingerle; Sich und andere führen – Wandel in Bibliotheken aktiv gestalten; S. 151)

Was steckt hinter der Überanpassung? Oft lässt sich eine generell geringe Bereitschaft von Menschen, Dinge zu hinterfragen, beobachten. Der Status quo wird als gegeben und unabänderlich wahrgenommen. Bequemlichkeit kann ein Motiv sein. Oft ist es auch geringes Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten und die Angst, „dumm auszusehen“. Denn oft wird es in Organisationen nicht gerne gesehen, wenn jemand Fragen stellt, oder es wird als Zeichen der Schwäche interpretiert. Viele Menschen sind es nicht gewöhnt, wirklich eigenständig zu denken, zumal dies in manchen Organisationen nicht erwünscht ist, sondern sie denken so, wie „man“ denkt.

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Ich plane, in nächster Zeit hier weitere Beiträge zu diesem Thema zu veröffentlichen, in denen die Hintergründe und Handlungsmöglichkeiten erläutert werden.

 #Blog2Change

Dieser Beitrag ist inspiriert von und Teil der Blog2Change-Blogparade von Maria Tagwerker-Sturm auf www.inknowaction.com.

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